Die Einarbeitung des Jagdhundes in die Schweißarbeit

 Die dressurmäßige Ausbildung des Jährlings




Stellt die nun begonnene Arbeit an der Schweißleine schon den Beginn der "Dressurarbeit" dar, nachdem bisher doch nur die Anlagen geweckt und gefördert wurden, kommt es jetzt für unseren werdenden Jagdkameraden noch dicker. Die "Stubendressur" hat er bereits hinter sich, und das Kommando "Ablegen" auf Zuruf, Handzeichen und Trillerpfiff sind ihm inzwischen bestens vertraut.



Das Ritual am Anschuss

Vor Beginn der Arbeit wird er nun mit angelegter Schweißhalsung und -riemen ca. 10-20 Meter vom Anschuss entfernt und so abgelegt, dass er die langwierige Prozedur der Anschussuntersuchung seines Führers ruhig und gelassen beobachten kann. Dieses Geschehen muss ritualisiert werden, es muss fester Bestandteil der Schweißarbeit werden und darf aus erzieherischen Gründen niemals ausgelassen werden. Der Hund verknüpft dieses Ritual mit der bevorstehenden Aufgabe und der damit verbundenen und geforderten Verhaltensweise. Vor allem aber soll es ihn in der Ruhe und Konzentrationsfähigkeit üben. Dies sind nicht nur Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir von unserem Hund fordern, sondern der Führer, der den „Nerv" - den Schweißriemen - in der Hand hält, muss über diese Eigenschaften in besonderem Maße verfügen. Eine Fehlreaktion, z. B. die unkontrollierte Anwendung von Zwangsmaßnahmen oder auch jede Form falschen Einwirkens, und das auch noch zum falschen Zeitpunkt, führt zu Verunsicherung, lrritation und "Unverständnis' bei unserem Zögling - er kann z. B. sein Verhalten nicht mehr mit der Reaktion seines Führers verknüpfen, oder er verknüpft auch falsch". Besser ist es, eine Arbeit abzubrechen oder aber dem Hund geduldig zum Erfolg zu verhelfen, als durch unkontrollierte Reaktionen die erfolgreiche Arbeit von Wochen und sogar Monaten aufs Spiel zu setzen. Der nervöse, unruhige oder auch unbeherrschte Führer wird immer ein erfolgloser Abrichter und Führer sein - im besonderen und ausnahmslos bei der Schweißarbeit!



Von der Spritzfährte zur Tupffährte

Die Riemenarbeit auf der gespritzten Kunstfährte, die noch keinerlei Schwierigkeiten aufweist, schafft unser Zögling jetzt auch in punkto "Arbeitsmanieren" zu unserer vollen Zufriedenheit. Ein wesentliches Erfolgsrezept bei der Einarbeitung auf der Kunstfährte sind der Erhalt der Arbeitsfreude, die immer bereitgehaltene Belohnung und das überschwängliche Lob am gefundenen Stück. Dem Hund darf die Arbeit nicht "satt" werden - dem Erhalt der Arbeitsfreude und einer immer neuen Motivation dient es außerordentlich, wenn am Ende der Fährte ein frisches Stück Wild liegt. Also keine Gelegenheit auslassen! Auch der zeitliche Abstand zwischen den Fährtenarbeiten muss individuell dosiert werden - also nicht zu häufig und ruhig mal eine ein- bis dreiwöchige Pause einlegen. Die nun stetig immer schwieriger werdenden Spritzfährten, deren Verlauf wir durch unsere Markierungspunkte und aufgefundenen Schweißspritzer immer unter Kontrolle haben, können schon durch leichtere Tupffährten, wo der Schweiß nun völlig fehlt, ergänzt und schließlich ganz abgelöst werden. Auf der Tupffährte ist in der Regel kein sichtbarer Schweiß vorhanden, dafür aber die auch bei der Naturfährte neben der Wundwitterung so wichtige Bodenverwundung. Beim Auftupfen des Tupfstocks wird der Oberboden bzw. die Humusauflage verwundet und in ihrer Struktur verändert. Die millionenfach vorhandenen Mikroorganismen bewirken die für den Hund wahrnehmbare Geruchsveränderung des Bodens. Auf diesem Prinzip der Bodenverwundung basiert sowohl die Einarbeitung des Bayrischen Gebirgsschweißhundes mit dem Fährtenschuh als auch die des Hannoverschen Schweißhundes auf der Kaltfährte, wobei hier allerdings die Individualwittrung des ziehenden Stückes eine zusätzliche Rolle spielt. Die Einarbeitung unserer Gebrauchshunde mit dem Fährtenschuh als alleinige Methode oder aber auch als zusätzlicher und ergänzender Arbeitsschritt befindet sich zunehmend in der Diskussion.



Das Einlegen von Verweiserpunkten

Sowohl bei den anfänglichen Schleppen, aber besonders bei den gespritzten und getupften Kunstfährten ist das regelmäßige Einlegen von "Verweiserpunkten" ein unverzichtbares Hilfsmittel. In regelmäßigen Abständen - Wundbetten und Haken nicht auslassen - wird die Fährte z. B. mit kleinen Stücken von Wildpret, Leber, Herz oder geronnenem Schweiß sozusagen garniert. Anfangs und auch später noch sind diese Happen für den hungrigen Hund eine Belohnung - sie spornen ihn regelrecht an. Der Hund begreift sehr schnell, dass in bestimmten Abständen diese kleinen Belohnungen auf ihn warten. Er wird sie gezielt suchen und durch die verstärkte Wittrung auch finden, uns zeigen und auch aufnehmen. Hierbei darf mit Lob nicht gegeizt werden. Der so eingearbeitete Hund wird auch nachher in der rauen Praxis jede verstärkte Wundwittrung, jede Anhäufung von Schweiß (wie sie beispielsweise in Tropf- und Wundbetten vorzufinden sind) verweisen und untersuchen (er sucht immer noch seinen Happen!). Dieses eingeübte Verhalten ist sowohl auf der Kunstfährte als auch auf der Naturfährte von immenser Wichtigkeit - es erlaubt uns Rückschlüsse auf das Verhalten des kranken Wildes, und wir erhalten die so wichtige Bestätigung für die korrekte Spurarbeit. Diese Bestätigung wird unentbehrlich, wenn der Führer den Fährtenverlauf nicht kennt, was ja in der Praxis die Regel ist. Bestätigungen jeglicher Art müssen "verbrochen" werden, um ggf. zum letzten Schweiß zurückgreifen zu können. Der Führer muss also auch lernen, in Unkenntnis des Fährtenverlaufs am Verhalten und an der Arbeitsweise des Hundes zu erkennen, ob er noch "richtig" ist.



Die Arbeit auf unbekannter Fährte

Hat der Führer bisher nur ihm genau bekannte und markierte Fährtenverläufe - bei denen er meist unbewusst Hilfestellung geleistet hat - mit seinem Hund gearbeitet, so muss er nun selbst eine hohe Hürde nehmen. Er muss selbständig, nur auf sich und den Hund gestellt, eine durch einen Fährtenleger - möglichst in fremden Revieren - hergestellte Kunstfährte, deren Verlauf er nicht kennt, arbeiten. Jetzt spätestens kommen das im Welpen- und Junghundealter entwickelte "Sich-Verstehen des Gespanns" sowie das dressurmäßig eingeübte Situationsverhalten zum Tragen. Wie einsam und verlassen steht der Führer bei einer praktischen Nachsuche im Wald, wenn dieses gegenseitige Verstehen des Gespanns nicht funktioniert? Der Schwierigkeitsgrad auf der Kunstfährte wird je nach Arbeitsfortschritt schrittweise erhöht. Überforderungen durch zu schnelles Vorgehen sind unbedingt zu ver- meiden, da der Hund sonst mit Lustlosigkeit, mangelnder Arbeitsfreude und letztlich Arbeitsverweigerung reagiert. Die folgend genannten Möglichkeiten sollen unseren Jagdhund gezielt auf die praktische Nachsuchenarbeit vorbereiten, indem er mit allen Eventualitäten vertraut gemacht wird:

    · Fährtenlänge ausdehnen (auf schließlich 1,5-2 km) 
    · Schweißmenge reduzieren (max. ¼ l auf 1000 m) 
    · Tupfabstand vergrößern 
    · Stehzeit verlängern (mindestens 4-5 Std. bis schließlich zweimal über Nacht) 
    · Widergänge, Haken und schweißfreie Abschnitte einlegen, an denen er das "Bögeln" erlernen muss. 
    · unterschiedliche Witterungsbedingungen (Regen, Hitze, Frost, Schnee) ausnutzen 
    · abwechselnder Bewuchs (Kahlfläche, Altholz, Dickungen, Brombeergestrüpp) 
    · unterschiedliche Bodenbeschaffenheit (Nadelstreu, Laubstreu, Wege, Bachläufe) 
    · Seitenwind/Gegenwind 
    · Mitnahme anderer Personen, anderer Hunde an der Leine (Prüfungs- und Jagdpraxis) 
    · Verleitungen (Wildwechsel, Suhlen, Einstände etc.) 



Das Verhalten auf Verleitungen

Auch künstliche Verleitungen durch Kreuzen der Schweißfährte mit z.B. Kaninschleppe. Besonders hohe Anforderungen an den Hund stellen morgendliche Arbeiten auf Kunst- und Naturfährte, da jetzt die Verleitungen besonders frisch und intensiv sind. Das Einüben der Verleitungssicherheit ist eine der Hauptaufgaben bei der Einarbeitung auf der markierten Kunstfährte. Bewährt hat sich hier die Downmethode. Wird der Hund bei zufälligem Abkommen von der Fährte ohne Verleitungseinwirkung ruhig abgelegt oder abgetragen, um ihn nach kurzer Pause durch "Bögeln" am strammen Riemen die Fährte wieder aufnehmen zu lassen, darf er das "Ablegen" keinesfalls als Strafe empfinden. Folgt er jedoch eindeutig einer Verleitung, so wird er abgezogen und zur Ordnung gerufen, besser noch mit scharfem Zuruf oder sogar Triller in die Down-Lage gezwungen, was er jetzt als Strafe empfinden muss. Das konsequente "Down" bei jeder Verleitung geht dem Hund schließlich in Fleisch und Blut über. Schließlich reagiert er bei Wahrnehmung anderer Wildwittrung, die nicht zur Ursprungsfährte gehört, mit selbständiger Down-Lage, zumindest aber mit Verharren. Auf der Fährte selbst oder auch am Stück darf der Hund niemals ernsthaft gestraft werden. Das Kommando "Ablegen" oder auch "Down" - je nach Temperament und Härte des Hundes -, konsequent angewendet, ist das entscheidende Abrichtungsinstrument, einen übertemperierten, übereifrigen, d. h. zu ungestümen und schnellen Hund auf der Fährte zu "bremsen". Nur so gewöhnt man dem in dieser Beziehung schlecht eingearbeiteten Hund eine ruhige und kontrollierte Gangart und Arbeitsweise an. Das ruhige Ablegen hingegen erfolgt dann, wenn z. B. gesundes Wild vom Hund bemerkt oder unbemerkt wegflüchtet. Er muss sich konzentrieren und sammeln können. Auch sehr langwierige und anstrengende Suchen sollten mit einem längeren "Ab- legen" mehrfach unterbrochen werden, um dem Hund die Chance der Regeneration zu geben (Wasser schöpfen lassen!). Dort, wo widrige Geländebedingungen, Dornen, Windwurf, bürstendichte Dickungen o. ä. das Folgen des Führers erschweren bzw. verhindern, muss der Hund abgelegt werden, um ggf. umschlagen oder umgehen zu können. Kontrolliert der Führer zwischendurch die Fährte, sucht oder untersucht Pürschzeichen, wird der Hund abgelegt.



Der Übergang zur Naturfährte

Nun sind wir auch mit der dressurmäßigen Ausbildung unseres Hundes so weit, dass er Kunstfährten mit unterschiedlichen, abwechselnden Schwierigkeitsgraden sicher beherrscht. Die ersten kurzen Totsuchen hat er nun auch schon hinter sich gebracht. Eine bestandene Verbandsschweißprüfung auf der 20- oder besser 40-Stunden-Fährte ist sicherlich ein erfolgreicher und würdiger Abschluss dieses fast zweijährigen Ausbildungsabschnitts. Steht der Hund nun regelmäßig im jagdlichen Einsatz, müssen immer noch von Zeit zu Zeit Kunstfährten eingelegt werden. Er erkennt zwar deutlich den Unterschied zwischen Kunst- und Naturfährte, arbeitet die Kunstfährte jedoch in entsprechender Arbeitsfreude, weiterhin dressurmäßig aus. Diese Arbeiten sollen ihn erzieherisch weiter in seiner Arbeitsmanier, die bei der - auch für den Hund häufig abenteuerlich verlaufenden - praktischen Nachsuche in Vergessenheit geraten können, festigen. Erst die langjährige Erfahrung auf der Wundfährte verschiedenster Wildarten, mit allen dazugehörigen Varianten, bis zur lauten Hetze mit abschließendem Stellen oder Niedertun, macht aus unserem Gebrauchshund einen zuverlässigen, nach- suchentauglichen Jagdbegleiter.


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